Trauerzug für ein Orchester
Eine tolle Akustik hat das Foyer des sächsischen Kunstministeriums an der Wigardstraße. Dazu bieten breite Treppen viele Zuhörerplätze. Doch heute war es sehr leer, als dort sieben Blechbläser aufspielten. Staatsministerin Sabine Schorlemer ließ sich nicht sehen, auch nicht ihr Staatssekretär Henry Hasenpflug. Und der Pförtner schaute verdattert aus seiner Glaskabine, als sich die Musiker samt zwei Begleitern, die schwarze Kreuze trugen, überraschend zwischen den hohen Säulen aufbauten. Sie waren eine Abordnung der draußen versammelten Demonstranten. Die meisten davon waren Mitglieder des Orchesters der Landesbühnen Sachsen. Genau jenes Orchesters also, das nach Ende der laufenden Spielzeit abgewickelt werden soll. Das war der Anlass der Demo vom Theaterplatz zum Kunstministerium, bei dem die Musiker einen schwarzen Sarg durch die Stadt trugen und der sich unter anderem auch Radebeuls Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) anschloss.
Einige der Musiker sollen künftig in der Neue Elblandphilharmonie aus Riesa spielen, längst nicht alle kommen dort unter. Und Fachleute prognostizieren: Das neue Orchester wird bei Weitem nicht das Pensum spielen können, das die beiden einzelnen Orchester bewältigen. Schlimmer noch – weite Fahrtwege zu Proben- und Auftrittsorten bei schlechter Bezahlung (die Rede ist derzeit von weniger als 80 Prozent des üblichen Lohns für das dann größere Orchester) werden zur Folge haben, dass das Repertoire reduziert wird.
Nicht nur die Landesbühnen Sachsen werden dann wohl ein dünneres Programm fahren müssen, als noch in der laufenden Spielzeit (da stellt sich sofort die Frage, wozu das Haus in Radebeul dann noch einen eigenen Chor und eigene Sänger braucht…). Auch das Musikangebot in den Radebeuler und Coswiger Kirchen und darüber hinaus wird leiden. Denn das größere Orchester hat künftig mehr Verpflichtungen. Es bleibt also weniger Zeit für Engagements außerhalb des Orchesteralltags. Dann fehlen die versierten Landesbühnen-Musiker, die zum Beispiel in der Radebeuler Lutherkirche beim Weihnachtsoratorium mitgemacht haben und gemeinsam mit anderen Kollegen immer wieder auch in Dresden bei Muggen zu Gast sind.
Deshalb, sehr geehrte Frau Ministerin Schorlemer, wäre es sicher gut gewesen, sie hätten wenigstens ein einziges Mal das Orchester in den Landesbühnen gehört, um ein Gefühl für das zu bekommen, was da demnächst abgewickelt werden soll. Dass Sie zusätzlich noch eine der vielen Muggen besuchen, die die Musiker bestreiten, erwartet niemand wirklich. So bleibt (leider) der Eindruck, dass Ihr politisches Engagement lediglich von der Kassenlage und den Parteien geprägt wird, die die Landesregierung tragen. Und dass Kultur für Sie nur das ist, wo Stars sind und Sie sich vor Fernsehkameras präsentieren können.


Kunst ist untrennbar mit Engagement und Seele verbunden. Beides scheint Frau Schorlemer ebenso wenig zu besitzen wie Anstand, weil Sie sich sonst wenigstens ein einziges Mal dem Orchester gestellt hätte. Oder ist sie einfach nur feige? Vielleicht ist sie ja als Wissenschaftsministerin kompetent, als Kunstministerin wohl kaum. Vermutlich ist sie eine blutleere und unerfahrene Technokratin ohne eigene Persönlichkeit und Meinung, die folglich um sich herum geschehen lässt, was immer ihre eigenen “Hofschranzen” und ihre Fernsteuerer aus dem Finanzministerium für richtig halten. Man fragt sich daher, wer diese Ministerin eigentlich in die Regierung geholt hat, und vor allem wozu. Vielleicht sollte man sie selbst und in ihrem Ressort die Abteilung Kunst einsparen, um das Orchester der Landesbühnen Sachsen zu erhalten!